Jenisberg – Übernachten in der Wand

Bombenaussicht und furchterregend…mit diesen zwei Worten hattest Du mich in der Tasche„, so die Antwort von Kai auf meinen Tourvorschlag. Wer den Blog und das Video von unserem Curtginatsch-Trip im Juli gelesen, bzw. gesehen hat, kann es sich denken: Wir wollten das in ähnlicher Art wiederholen.

Kurzer Tip bevor ihr weiterlest: Gönnt euch ein Gläschen und macht es euch bequem, Jenisberg ist zum Geniessen und dauert etwas länger 🙂

Auch dieses Mal war es der Plan, die Berge Graubündens unsicher zu machen. Start am Freitagabend, Ende des Trips Dienstplan-bedingt am Sonntagmittag. Also zwei Übernachtungen, dazwischen ein kompletter Tag Vanlife mit Drumherum. Klingt gut…

Kai hatte noch kurzfristig einen Arbeitseinsatz beim Brötchengeber reinbekommen, somit startete unsere zweite Tour abends um zehn auf dem Parkplatz eines Discounters in Landquart im Dunkeln. Da wir beide einen kompletten Arbeitstag in den Beinen hatten, ging das erste Ziel mehr als in Ordnung: Das Navi gab eine Fahrzeit von 17 Minuten bis zum Parkplatz im Schraubachtobel an. Davon 5 Minuten Autostrasse, eine kurze enge Ortsdurchfahrt und die restlichen 10 Minuten rumpelige Piste mit Schotterabschnitten. Wer hätte das gedacht, dass man in so kurzer Zeit ein solch abgelegenes Pläzchen erreicht. Kein Lichtschein, kein Lärm, kein Mensch. Absolute Finsternis, ein rauschender Wildbach und wir mit den Vans mittendrin. Selten zu erleben in der dichtbewohnten Schweiz, noch seltener so gut erreichbar und nicht verboten!

Kais spätes Ankommen gab mir die Gelegenheit, das Essen zuhause vorzubereiten. Wir sind in den Alpen, was passt da besser als Älpler Magronen? Makkaroni oder ähnliche, schlauchförmge Nudeln mit etwas gebratenem Speck, Zwiebeln, Rahmsauce und geriebenem Käse. Dazu gereicht wird Apfelmus oder -kompott. Was den Alpbauern satt macht, das langt für uns bestens. Wir haben das späte Mahl am Bach genossen – Mann, kann der Kai futtern! Aber ich auch 😉

 

 

Nächster Tag, schönes Wetter! Wir können es kaum glauben, der Wetterbericht gab sich eigentlich bedeckt und wo wir sind, sind doch immer die dunkelsten Wolken! Von wegen…Sonne und blauer Himmel von Anfang an. Das Tobel, also auf hochdeutsch die Schlucht, liegt morgens noch im Schatten und hat eine eigene Magie. Nicht sehr tief ist sie, die Schraubachschlucht, vielleicht 100 bis 200 Meter eingeschnitten in einem spärlich besiedelten Seitental des Prättigaus. Und doch so wild, dass wir uns in Kanada oder Alaska wähnen. Nur die idyllische Blockhütte nebenan ist zu gepflegt und holt uns in die Schweiz zurück.

Frühstück: Kai seinen zu Beton aushärtenden Brei, von mir gelegentlich leicht spöttisch als Ausgleichsmasse betitelt. Ich herkömmliches Müesli (jawoll, es heisst richtig Müesli!). Meine Drohne Sparky durfte schon vorher in die Luft und machte die Morgenschicht, ohne Tiefflüge über Zottl. Kais Mavic surrte dann um die Mittagszeit übers Tal und das benachbarte Unesco-Weltmonument. Wie, Unesco?

Doch, hier im beschaulichen Seitental des beschaulichen Prättigaus wurde 1930 mit dem Bau der Salginatobelbrücke architektonische Geschichte geschrieben, Zitat Wikipedia: „Die von Robert Maillart 1929 entworfene und 1930 fertiggestellte Stahlbetonbrücke gilt als technische und architektonische Meisterleistung der Ingenieurkunst und wird heute an den technischen Hochschulen der ganzen Welt als Lehrobjekt gezeigt. Sie ist ein hervorragendes Beispiel für eine wirtschaftliche und gleichzeitig architektonisch elegante Lösung.“ Als Laie denke ich, diese Brücke würde man ähnlich auch heute, fast neunzig Jahre später, so bauen.

 

 

Nach den Höhenflügen kommen wir auf den Boden, oder eigentlich sogar noch darunter. Nein, ein Höhle gibt es meines Wissens nicht hier. Ich fragte mich aber schon länger, ob sich in den ausgeprägten Kiesbänken der Bäche und Flüsse der Region vielleicht etwas glänzendes, Reichtum versprechendes verbirgt: GOLD! In den vergangenen Jahren habe ich manchen Bach in den Alpen besucht und nach alter Väter Sitte mit Waschrinne und Goldpfanne auf Edelmetall untersucht. Nicht ganz überraschend war die schweisstreibende Suche auch immer wieder von kleinen Erfolgen gekrönt. Heute hatte ich noch einen kräftigen Schaufler dabei – wenn es Gold im Tobel gibt, dann finden wir es…

Ok, ich mach es kurz: Kein Goldrausch und vor allem auch keine Hinweise, dass es welches gibt. Wir haben nicht stundenlang geackert, denn wenn man nicht mal Pyrit, Magnetit und andere Schwermineralien rauswäscht, dann ist mit Gold meist auch nix. Aber dafür endlich mit Mittagessen an diesem frühen Nachmittag. Gemeinschaftsproduktion aus Oskis und Zottls Küchen , mmmh, das tut gut, das haben wir uns verdient.

Ob Oski und Zottl den folgenden kleinen Offroadexkurs ins Kieswerk verdient haben? Nein, so schlimm war es nicht, von Kieswegen ist noch kein Kastenwagen kaputtgegangen, sofern man es nicht übertreibt. Wir haben es eher mit Fotos übertrieben…

 

 

Dann Aufbruch zu neuen Zielen:  Im Dischmatal, dieses erreichen wir nach einigen Kilometern Autostrasse kurz nach Davos, gibt es einen vielversprechenden Parkplatz. Dieser liegt in Sichtweite eines Restaurants und einiger Gletscher am Ende des weiten Tals in grossartiger Landschaft. Beim erstbesten genügend geräumigen Parkplatz durfte Oski pausieren und wir fuhren mit Zottl weiter. Während der Fahrt wähnte ich mich schon zu Fuss Richtung Oski zurücklaufend, weil dem Kai, dem gefiel das richtig gut hier. Ein kleines Stück bemaltes Metallblech holte uns zurück in die Realität und ich musste nicht laufen. Campingverbot – ein Zelt und ein Alkovenmobil, durchgestrichen mit einer roten Linie verkündeten dies unmissverständlich, obwohl, das gilt doch nicht auch für Kastenwagen? Nun, einige Foto- und Videoaufnahmen und Drohnenflüge später waren wir wieder talwärts unterwegs.

 

 

Durch die Stadt Davos durch, ging es das Landwassertal hinunter bis zur Abzweigung zum Bahnhof Wiesen. Ein kurzes Stück schmale Strasse – und wir erreichten das Stationsareal. Der Blick hinüber zur Felswand flösste Respekt ein, die Besichtigung der alten schmalen Steinbrücke gute 50 Meter oder mehr über der Schlucht trieb uns einige Sorgenfalten auf die Stirn, meine Erinnerung an die Strasse…da war es wieder, das dritte Wort dieses Blogs „furchteinflössend“…

Leichte Zweifel: Wir waren doch nicht deswegen hier, sondern wegen „Bombenaussicht“, die Strasse eben dorthin, zu dieser Aussicht, präsentiert sich in der Realität erschreckend deutlich anders als auf dem Luftbild. Aber wir probieren es, wir schreiben vielleicht Campinggeschichte: Die ersten die hier mit dem Kastenwagen in die Landwasser stürzen. Quatsch nein, die ersten, die dort oben auf diesem kleinen Balkon mit dem Wohnmobil übernachten! Also los…

Die Brücke ist Massarbeit, man fühlt sich oversized, links und rechts zwei Handbreit zur Steinbrüstung. Das Verbotsschild für Fahrzeuge über 13 Tonnen gibt uns aber Sicherheit. Und dann Gegenverkehr – fängt ja gut an. Und vor allem: Was mag der wohl denken? Dank Ausweichstelle zumindest technisch kein Problem. Think positive – Jenisberg hat 12 Einwohner und eine Wirtschaft, wer soll da sonst noch kommen? Es wird steil, die Strasse hat festgefahrenen Naturbelag, geht. Erste Kehre, voller Einschlag, huh, knapp rum. Zwei, drei mal wiederholt sich das Spiel. Erster Gang, mit Tempo 20 gehts es langsam bergan. Geht doch! Dann eine Kurve mit Bauarbeiten, Belag etwas lockerer und etwas steiler. Das kurveninnerere Vorderrad neigt etwas zum Springen, ringt um Traktion. Ich drücke erstmals die entsprechende Taste im Cockpit – kann sicher nicht schaden. Und dann kommt die von unten sichtbare Kehre über der sich unser Platz befindet – Hurra! Erstmal geschafft. Zottl kommt im Respektabstand den Berg hochgekrochen. Gleicher Motor, gleiches Auto, gleiche Pneus. Kais Erfahrungen decken sich mit meinen, wer hätte es gedacht…

 

 

Noch haben wir das Diplom nicht. Wenden können wir nicht, also müssen wir rückwärts auf den Balkon. Begehung ist angesagt. Wir schiessen geniale Bilder, freuen uns über diesen einmaligen Platz und gehen die letzten 50 Meter an. DerWeg ist schmal. Links Holzlatten und Stahlträger, rechts Beton, der Weg macht zudem einen leichten Knick und geht kurz vor dem Balkon gut steil bergauf. Ok,los. Zuerst vorsichtig rein, dann mit etwas Schwung und trotzdem stinkender Kupplung rauf auf den Platz. Geschafft! Nach Oski folgt Zottl in ähnlicher Art und Weise. Handshake – wir sind angekommen. Zwei Meter hinter den Hecktüren geht es gut 300 Meter steilst runter. WAS FÜR EIN PLATZ!

Das letzte Sonnenlicht untermalt den Moment. Der Bahnhof Wiesen und der benachbarte Viadukt liegen bereits im Schatten. Letzte Motorradfahrer sind hörbar auf der anderen Talseite unterwegs, mit fortschreitender Dämmerung wird es ruhig. Zeit für ein Barbecue. Der Lotusgrill aus Oskis Keller ist in wenigen Minuten startklar, und dann brutzelt es schlussendlich, bis nix mehr reinpasst in die Bäuche und sich irgendwann die Milchstrasse über uns zeigt. Ein Abend, der fürs Leben bleibt…

Später wird des trotz Grill unter dem Tisch (ja, das geht und wärmt) frisch. Um Mitternacht ziehen wir uns in die Gemächer zurück und verbringen eine ruhige, ungestörte Nacht.

Der Balkon liegt am Nordhang. Entsprechend ist es morgens eher schattig. Aber der Blick auf die frühmorgens von der Sonne angestrahlten Berge auf der anderen Talseite entschädigt mehr als ausreichend. Wir erkunden das unmittelbare Umfeld mit einem Fragen aufwerfenden, im Nichts endenden Tunnel, den Verbauungen, den Erdpyramiden und bestaunen die wie eine Modellbahn wirkenden Anlagen der Rhätischen Bahn im Landwassertal. Die Drohnen dürfen in die Luft, dann gibt es Frühstück (siehe oben…).

 

 

Irgendwann müssen wir uns mit dem Abstieg befassen. 6.36 Meter kann man nicht auf der Stelle wenden. Also vorwärts raus, rückwärts runter bis in die breite Kehre und dort die Kästen in Richtung Tal gedreht. Es hat funktioniert. Die Abfahrt haben wir, anders als die Bergfahrt, intensiv gefilmt und fotografiert, somit dauerte sie etwas länger. Manch Gegenverkehr wird sich über uns gewundert haben, ich hoffe wir störten den Verkehrsfluss der drei Autos nicht zu sehr…

Wie alles ausser der Wurst hat auch ein solcher Trip ein Ende. Somit war der kurze Spaziergang zum Viadukt doch von einer gewissen Zeitnot geprägt. Auf dem Weg ins Tal durften beide Camper einigermassen sportlich bewegt ihre Handlichkeit zeigen. Ein Kastenwagen ist kein Verkehrshindernis.

 

 

Ganz unspektakulär endete unser eindrucksvoller Trip schliesslich auf den Viamala-Rastplatz und der Weg dorthin lässt die vergangenen Stunden ihrem Platz im Gedächtnis finden.

Wir werden diese Tour nie vergessen.

Und wir werden weitere Roadtrips unternehmen.

 

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Joachim sagt:

    Toller und spannender Bericht über eine – live erlebt – sicher noch viel spannendere Tour. Bin scho sehr gespannt auf das (oderdie?) Videos. Nachdem schon das Video von Eurer Curtingatschtour technisch und vom Thrillerfaktor her Spielfilmqualität hatte, darf man wohl gespannt sein…

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    1. vanamericana sagt:

      Hallo Joachim
      Danke, freut mich, dass dir der Bericht gefallen hat. Mit der Menge an Filmmaterial dürfte auch ein spannender Film zustandekommen.
      Grüsse aus den Bergen, Jens

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      1. Joachim sagt:

        Da bin ich mir absolut sicher und bedanke mich schon mal im Voraus für die Heidenarbeit, die da wieder dahinter steckt! Gruß vom Mittelrhein, Joachim

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