Alpenglühen im Val Luzzone

Luzzone, Lucomagno – beide italienisch-wohlklingenden Örtlichkeiten machen klar, wohin die Reise geht: In den Süden 🙂

Ein Freitagabend im fortgeschrittenen Oktober. Jens hat wieder mal ein „langes Wochenende“ und ist nach Feierabend bei tiefstehender Sonne mit Oski unterwegs in Richtung Graubündner Oberland. Die Fahrt führt oberhalb der Rheinschlucht zuerst mal nach Ilanz, der ersten Stadt am Rhein. Erste Stadt von der Quelle aus gesehen und das „Stadt“ nehmen wir nicht allzu wörtlich – Ilanz ist eher ein etwas grösseres Dorf. Als solches bietet es aber auch einige Einkaufsmöglichkeiten, die ich für die Sicherstellung des leiblichen Wohls aufsuche. Nach kurzem Einkauf geht es weiter nach Disentis, dem Klosterdorf im Bündner Oberland. Dort verzweigt sich die Kantonsstrasse Richtung Oberalppass und, in meinem Fall, zum Lukmanierpass in Richtung Süden. Zwanzig Minuten nach Disentis biege ich dann von der Passstrasse ab ins Val Cristallina – hier gibt es einen netten Parkplatz, auf dem man legal und ruhig übernachten kann.

 

Die Wartezeit überbrücke ich mit Kochen und fotografieren. Wartezeit??? Jaaa, der zweite Protagonist, dieser Tour, nämlich Kai von TravelCampingLiving düst zu dieser Zeit mit Zottl erst dem Oberalppass entgegen. Also genug Zeit für eine Polenta aus grobem Maisgriess und Poulet- (Hähnchen-) Ragout mit Cherrytomaten. Kai sagt immer, dass er bei Hunger schnell ungemütlich wird (…was angesichts fehlender Speckreserven auch nicht weiter verwundert…). Das will ich nicht riskieren und deshalb gebe ich mir wirklich Mühe. Kurz nach Mondaufgang höre ich es nebenan dieseln – Zottl rollt auf den Platz. Wir verbringen einen gemütlichen Abend in Oskis Wohnzimmer und eine ruhige Nacht im abgelegenen Tal.

Samstag – der Morgen erwacht, ich setze meine neue kleine Tradition fort und begebe mich aus dem Auto, obwohl die Sonne noch lange nicht über den Berg ist und starte mit der Drohne zu einem kurzen Flug. Klamme Finger lassen mich Sparky schnell wieder landen, wir haben knapp 4 Grad, in Bodennähe ist schon Reif auszumachen. Das Gesumme der Drohne weckt auch den schläfrigsten Nachbarn. In Zottl regt sich Leben, Kai ist erwacht.

Das Frühstück, bestehend aus meinem Müesli und Kais „Mörtelbrei“ nehmen wir in Zottl und besprechen den Tag: Auf dem Lukmanierpass zweigt laut Google Maps ein Weg zum Ritomsee ab. Der Weg führt über den Passo dell Uomo, zu deutsch den Männerpass, haha, passt.

Da Kai ja nach eigenen Angaben nicht gern läuft, nehmen wir unsere Mountainbikes als alternatives Beförderungsmittel. Am See entlang ist der Weg gut, was sich nach gut einem Kilometer aber abrupt ändert. Der Schotterweg ist nun eher ein Bachbett und nur mit grösster Mühe abschnittsweise fahrbar. Wir versuchen es mit Schieben und hoffen weiter oben auf Besserung. Es ändert sich aber nichts, steil, schlecht, teilweise nass – hier kommen wir auf zwei Rädern nicht weiter. Fürs Wandern fehlt Zeit und Lust, wir kehren um.

Einige Fotos und Drohnenaufnahmen folgen und wir sind zurück auf dem Parkplatz am Pass. Etwas Schokolade bringt die verlorenen Kalorien zurück, dann geht die Fahrt Richtung Süden weiter. Einige Kilometer unterhalb des Passes entdecken wir in toller Landschaft am Bach Brenno einen Parkplatz. Kiosk (wochentags) und WC, sowie zwei Sitzgruppen bilden eine gewisse Infrastruktur, der Parkplatz kostet 10 Franken für 24 Stunden mit Camper. Das merken wir uns für ein mögliches Wintererlebnis…

Nach weiteren Kilometern auf der rumpeligen Lukmanier-Südrampe biegen wir in Bleniotal ab. Durch einen recht engen und langen Tunnel erreichen Campo di Blenio in schroffer Landschaft. Kurz nach dem Ort führt eine kehrenreiche Strasse steil nach oben ins Val Luzzone, was ein Spass! Wenig später stehen wir vor einer Betonwand, was das Gesehene nur unzureichend beschreibt: Die Staumauer des Lago Luzzone ist 225 Meter hoch und elegant gebogen. Ein atemberaubendes Bauwerk, das noch eine Spezialität zu bieten hat: Die längste künstliche Kletterroute der Welt. Nichts für mich, aber ich hege Bewunderung für die, welche diese Herausforderung angehen.

Wir fahren mit Zottl DURCH die Dammkrone zur anderen Talseite, sehen den Kletterern zu und bewundern das Bauwerk aus anderem Blickwinkel. Dann wieder zurück zur Nordseite und anschliessend auf den Parkplatz. Nach einigen Fotos führt unser Weg dann mit etwas Verwirrung über die Mauer wieder zur anderen Seeseite. Insgesamt vier Tunnel sorgen linksseitig der Staumauer für die Zufahrt zu den verschiedenen Strassen und Plätzen, was einen durchaus mal die Übersicht verlieren lässt…

Auch der bevorstehende Tunnel sorgt für Fragezeichen. Die Durchfahrt ist nur für Fahrzeuge bis 2.50 Meter gestattet – der Tunnel nach unserer Schätzung aber mehr als hoch genug. Wir laufen ein Stück hinein und beschliessen, es mit unseren 2.65 m hohen Kästen dennoch zu wagen. Der Hintermann spielt dabei die Rolle des Aufpassers und hupt, falls es knapp wird. Nun, es wurde NICHT knapp, einmeterfuffzich Luft war immer über den Scheiteln der Autos. Warum das Schild dort steht – das bleibt das Geheimnis der zuständigen Behörde… Ob man das Campen verhindern will? Wir wissen es nicht.

Jetzt befinden wir uns direkt am Seeufer, die Schotterstrasse führt noch einige Kilometer weiter zu einer Alp. Gleich nach dem Tunnel wurde wohl erst kürzlich ein Weg zum See runter angelegt, wow, ganz schön steil zu einer recht ebenen Fläche runter. Wir halten erst mal am Vorhaben fest und fahren zu den rausgesuchten Koordinaten: Dieser angedachte Platz unterhalb der Piste erweist sich aber als unerreichbar für unsere Kästen: Steil, grobschottrig, eng und ausgefahren braucht es zumindest Allrad und viel Bodenfreiheit, wollte man da runter. Wir beschliessen die Erkundung des weiteren Strassenverlaufs auf zwei Rädern. Wenn man schon die Bikes dabei hat…

Eine weise Entscheidung – wir dringen fotografierend und filmend auf den Rädern bis zum hintersten Ende der Strasse vor und machen dort eine Pause im letzten Sonnenschein – das Leben kann so schön sein. Nur einen wirklich idealen Platz, den finden wir nicht.

Ok, zwei Möglichkeiten nehmen wir gedanklich mit, fahren nochmals zum Platz am Tunnel und kommen dort ins Grübeln: Die ebene Fläche schaut zwar noch fast wie Baustelle aus, liegt aber schön und leicht erhöht über dem Ufer aber deutlich unterhalb der Strasse, also attraktiv für uns. Was uns Sorgen macht, ist die Rampe dort hinunter. Der Knick oben ist beherrschbar mit Assistenz des zweiten Mannes. Bei drohendem Aufsetzen von Trittstufe oder Auspuff kann man zurück. Aber dann die Rampe aus Schotter und Aushubmateral, die geht sicher mit über 20 % Gefälle runter, um unten in den Gegenknick zu münden, der dem Hecküberhang gefährlich werden könnte. Läuft es nicht, wie kommen wir aus der Sache raus und kommen wir überhaupt die Rampe mit unseren Fronttrieblern wieder hoch? Grübel…

Ok, wer nicht wagt, der nicht gewinnt, no risk, no fun. Mit diesem Denken beschliesse ich, das mit Oski zu wagen. Schliesslich will der über die Anden, dann soll er nicht vor so einer besseren Garageneinfahrt kneifen. Den Radträger nehme ich dann aber doch noch ab, bevor es losgeht. Ui, auf dem Fahrersitz sieht es dann doch wieder steiler aus. Aber Kai winkt ok für den oberen Knick, langsam runter, ok für den unteren Knick, ich stehe auf dem Platz. Oski einmal drehen, Traction+ Taste gedrückt erster Gang und mässig zügig wieder hoch. Was sind wir Schisser – kein Durchdrehen, kein Rutschen, kein Aufsetzen, kein Problem, nicht mal ansatzweise. Naja, man muss sein Auto auch erst kennenlernen…

Nochmal runter mit Oski in Endposition, dann folgt Zottl und wir haben den Platz in der ersten Reihe geentert. Das muss erstmal begossen werden 😉 Da der Sonnenschein schon lang am anderen Ufer ist, wird es auch schnell etwas frisch. Draussen essen ist heute nicht angesagt, aber schliesslich sind wir hier auf 1600 Metern und der Sommer ist schon eine Weile durch. Spürbare Wärme gibt der Sonnenuntergang nicht mehr her, aber er taucht die Berge in ein rot-oranges Licht – die Bezeichnung Alpenglühen könnte nicht passender sein.

Für die Vorbereitung des anschliessenden Festmahls begeben wir uns erstmal in die Küchen. Kai macht in Zottl die Süsskartoffeln, ich im Oski das Ratatouille. Dazu gibt es Fleischiges vom Lotusgrill – wir essen bis in die Nacht, die bricht halt in dieser Jahreszeit auch schon kurz nach sieben über uns herein. Mit vollen Bäuchen schauen wir noch einige unserer Aufnahmen an. Tolle Bilder und witzige Szenen – was haben wir gelacht 😀

Nach überaus ruhiger Nacht (wer hätte das gedacht…) zeigt sich der Morgen ähnlich wie der Abend mit klarem Himmel und toller Lichtstimmung. Zeit für einen Drohnenflug. Ich lasse die Spark mal bis zur Dienstgipfelhöhe, so gibt das eine tolle Übersicht. Kai folgt kurz darauf und setzt mit der Mavic naturgemäss noch einen drauf. Nach dem Frühstück folgen weitere Flüge, dann ist relaxen angesagt. Kai muss noch etwas tun, damit die Fans von TravelCampingLiving was zu sehen bekommen, ich dusche und dokumentiere dies mit der Kamera, mache ein paar lang verschobene Schraubarbeiten am Oski in dieser Luxus-Freiluftwerkstatt. Schliesslich folgt eine kurze Biketour zur anderen Seeseite, um mal aus anderer Perspektive unseren Platz zu bestaunen. Was ist das für ein beeindruckender Ort hier, man kann es kaum glauben…

Und schliesslich kommt es wie es kommen muss: Der Abend naht und beide müssen wir am Montag wieder Geld verdienen. Somit Abfahrt vom See, Abstieg ins Tal, Abschied von Kai. Oberhalb von Blenio trennen sich unsere Wege. Kai nimmt die Gotthardroute, ich fahre wieder über den Lukmanier zurück und komme ohne Stress auf der Homebase an.

Was bleibt, ist die Erinnerung an ein geniales, entspanntes Wochenende in fantastischer Umgebung. Ich kann gar nicht glauben, wie wunderbar man hierzulande mit dem Camper unterwegs sein kann, welche tollen Erlebnisse ich hatte, wie sehr auch solche kurzen Trips Spass machen. Ich bin froh, diesen Weg zu befahren, hin zu unserem grossen Ziel, der Panamericana.

 

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