Bella Italia 2: Sette Terre

Ok, eigentlich wäre „Cinque Terre“ der deutlich bekanntere Titel für Teil zwei der Italientour. Nun ist es aber so, dass es im Gebiet der fünf Dörfer nur einen einzigen offiziellen Stellplatz für Camper gibt. Ansonsten sind Plätze für den Oski rar, oft mit Verbotstafeln versehen und allesamt abgelegen deutlich über den Dörfern gelegen.

Für die kommenden Tage möchten wir etwas Komfort und wählen deshalb einen Campingplatz im ersten Ort neben den 5 T namens Levanto für die kommenden Tage. Doch zuerst mal der Reihe nach: Wir erinnern uns, Oski steht noch am Monte Fasce bei Genua. Die Nacht auf dem Berg war frisch und klar, der Morgen ist es auch. Die Frische wird nun aber durch die Sonne gemildert und wir beschliessen, vor der Abfahrt einen Spaziergang zu dem Antennenwald auf dem Monte zu machen. Der Monte ist auch nicht wirklich schön mit dem ganzen Metallgedöns und viel Schrott drumherum. Schön, oder besser spektakulär ist aber die Aussicht. Die lohnt den steilen Weg allemal. Tiefblicke nach Genua und Richtung Süden, die Alpen und der Apennin, alles im Bild, genial! Nach unserem Abstieg beginnt dann kurz darauf auch Oskis „Abstieg“. 700 Höhenmeter sind es bis an die Riviera, verteilt auf unzählige Kurven und Engstellen. In Recco erreichen wir fast Meereshöhe, und sogleich geht es wieder bergauf. Die SS1 ist eine kurvige Strasse, die fast nur durch Ortschaften führt. Entsprechend geht es gemächlich nach Süden. Erster Fotostop ist kurz nach Rapallo. Hier in der Bucht bis Portofino sieht es mächtig nach Geld aus. Die Yachten sind gross, die Villen prächtig, die Gärten üppig. Zusammen mit dem blauen Meer ein schönes Bild, doch doch.

Chiavara, Sestri Levante, wir bleiben am Meer, bis es in Trigoso wieder mal ordentlich den Berg hinauf geht. Der Passo del Bracco wird mit 615 Metern heute auf Platz zwei landen. Die Kurbelei war dennoch hitverdächtig. Hatte ich den vierten Gang mal drin? Hmm, ja mal kurz wohl schon. Kurz hinter dem Pass geht es richtig steil und noch kurviger runter vom Berg. Levanto 15 km, was dann doch eine Fahrzeit von fast 30 Minuten bedeutet. Schliesslich ist es geschafft, wir rollen ins beschauliche Städtchen ein, fnden nach zwei Anläufen auch den Weg zum Camping und hoffen auf ein freies Plätzchen.

Der Camping Aqua Dolce wird dann auch tatsächlich unser Zuhause für die kommenden Tage. Platz Nummer zwei liegt gut erreichbar und ist fast eben. Nehmen wir. Einchecken, Oski hinten aufpumpen, also die Luftfedern meine ich, und erstmal durchatmen. Warum der Campingplatz in Levanto? Ganz einfach: Er hat gute Bewertungen, Levanto ist ein nettes Städtchen, von Levanto aus kommt man bestens mit dem Zug zu den 5 Terre und in Levanto kann man sich auch sonst die Zeit gut vertreiben. Fangen wir an – kaum mehr als 5 Minuten, und wir stehen an der Strandpromenade. Der Strand ist gross, das Wasser sieht einladend aus, ist aber von der frischen Sorte. Baden nur für Hartgesottene…

Nach einem kurzen Fussbad streben wir ins Zentrum, das mit Restaurants, Geschäften und historischem Ambiente lockt. Die Fussgängerzone ist hübsch und führt uns zur Touristeninfo. Dort bekomme ich einen Stadtführer von Levanto und Infos zu den 5 Terre inkl. Zugfahrplan. Grazie mille! Wir beschliessen, den Bahnhof auch noch zu checken, dieser ist knapp 10 Minuten vom Zentrum weg. An der Stazione holen wir dann auch gleich den Cinque Terre-Tagespass für den morgigen Dienstag. 32 Euro wechseln den Besitzer. Für 16 pro Nase kann man unbegrenzt Zug fahren zwischen Levanto und La Spezia, die Wanderwege entlang der Küste sind mit drin, ebenso die WC-Benutzung und WLAN an diversen Standorten. Das geht in Ordnung.

Der Hunger meldet sich, es ist ja auch schon abends um halb sieben, Das Cafe del Mar lockt mit einer interessanten Speisekarte und schönem Ambiente. Kleiner Gruss aus der Küche, lecker, Parmaschinken und Käse mit Feigensenf lecker, Ravioli lecker, aber lauwarm auf eiskaltem Teller. Ebenso die Lammkoteletten mit Spinat und Rosmarinkartoffeln. Kaltes Lammfleisch ist defintiv kein Genuss. Der Kellner hat gut zu tun, fragt nicht nach. Ich sage am Schluss was los ist. Es folgt ein „Scusi“, das wars. Schade um die guten Zutaten, jede Pizzeria schafft es, vorgewärmte Teller zu servieren, das Cafe del Mar nicht.

Wir schlendern nach dem Mahl noch ein wenig durch die Gassen und die Uferpromenade, geniessen die letzten Sonnenstrahlen und nehmen einen stufenreichen Weg zurück zum Camping. Langer erlebnisreicher Tag, wir fallen in die Betten. Bonna Notte.

Dienstag: Cinque Terre-Tag. Die fünf Dörfer sind Unesco-Welterbe und Nationalpark, also sind Touristen zu erwarten. Am Bahnhof in Levanto ist es noch recht ruhig. Der erste Zug fährt uns vor der Nase weg. Der zweite ist rappelvoll. Unser Zug hat Verspätung. So fährt der vierte Zug vor unserem, dem dritten, wir sind leicht verwirrt und warten auf den 11.15, der dann schliesslich um 11.50 fährt, aber schön leer ist. Wir beschliessen, die Dörfer von „unten“ her aufzurollen. Also Riomaggiore, Manarola, Corniglia, Vernazza und Monterosso als Reihenfolge zu nehmen. Als Zugpassagiere keine schlechte Entscheidung: Mit jedem Stopp füllt sich der Zug mehr, auch die Bahnsteige sind rappelvoll, das ändert sich erst in Riomaggiore, wo gefühlt alle aussteigen und durch einen Tunnel in den Ort strömen.

Wir ergeben uns dem Touristentrubel, ziehen brav mit. Fotos mit bunten Häusern folgen, der niedliche Hafen ist an Idylle kaum zu überbieten. Wenn nur diese Heerscharen an Menschen nicht wären…
Etwas ausserhalb liegt ein Strand mit grossen Steinen. Hierher verirren sich deutlich weniger Touris und wir schauen der Brandung zu, sitzen eine Weile in der Sonne. Dann nochmals mittendurch, durch den Rummel. Oberhalb der Bahnlinie ist der Ort dann deutlich ruhiger. Schliesslich haben wir die Idee, zum nächsten Ort zu laufen. Der Küstenweg ist gesperrt, der nächste etwas oberhalb auch, also steigen wir auf einer langen, steilen Treppe zwischen Rebstöcken und Olivenbäumen auf Landstrassenniveau um über eine lange Brücke und durch einen ebensolchen Tunnel oberhalb von Manarola wieder den Abstieg anzugehen. Das Bild ähnelt dem bereits gesehenen: Der Ort ist hübsch, je weiter wir Richtung Wasser kommen, desto voller ist es. Auch hier ist der Hafen so klein, dass die Boote auf der Strasse lagern. Und dazwischen, man ahnt es, tausende Touristen. Wie wir…

Nächster Stopp: Corniglia, wir nehmen diesmal den Zug. Der Ort liegt als einziger der 5 T nicht am Wasser, sondern ca. 100 Meter über Meer. Die überwinden wir zu Fuss, folgen der Strasse vom Bahnhof in den Ort. Einen Busshutttle gäbe es auch, dieser ist in der Tageskarte auch mit dabei. Der Weg ist aber gut erlaufbar, 20 Minuten später stehen wir am Ortseingang. Auffallend weniger Touristen tummeln sich hier, es gibt kein Gedränge. Der Ort wirkt auch dank deutlich weniger Souvenirshops irgendwie authentischer. Due Gelati sorgen für eine Erfrischung. Der Rundgang findet ein erstes Ende an einer wunderbaren Aussicht auf die Küste südwärts, dann, einige Gassen weiter gibt es nochmals einen wunderbaren Blick in Richtung Norden. Schön hier in Corniglia!

Weiter geht’s, der Nachmittag ist weit fortgeschritten, wir wollen noch nach Vernazza. Der Zug kommt und nimmt uns mit ins nächste Dörfchen. Diesmal geht es vom Bahnhof abwärts zum Hafen. Es ist nicht mehr ganz so voll, viele Besucher sind wohl schon auf dem Heimweg. Das Bild der Postkarten wird definitiv nicht ganz bestätigt: Vernazza wirkt ganz schön bröckelig, die Fassaden sind grossflächig heruntergekommen. Etwas zuviel Shabby Chic, finden wir. Der Hafen ist etwas grösser und auch hier ist das Ambiente sehr malerisch. Eine Art Höhle führt noch zu einem Strand, ganz witzig. Dennoch: Uns hat Vernazza bisher am wenigsten gefallen. Mag sein, dass es an der Reizüberflutung liegt…

So lassen wir dann Monterosso, den letzten Ort für heute aus und fahren direkt nach Levanto zurück. War ein intensiver Tag für Körper und Geist. Wir wollen dann mal wieder für uns sein, das Abendessen in Form eines bunten Salates findet im Restaurant Oski statt und danach machen wir nicht mehr lang. Was wir beschliessen: Wir hängen hier noch einen Tag dran. Wollen morgen mal mit dem Rad in die andere Richtung.

Mittwoch: Wir erwachen nicht ganz so fit und vor allem nicht das erste Mal. In der Nacht schüttete es ganz ordentlich. Was nicht weiter schlimm wäre. Nur stehen wir (und auch alle anderen Leidensgenossen) unter Bäumen. Regen + Baum = dicke Tropfen = Krach vom Dach. So war der Schlaf doch eher unruhig. Der Regen hat zwar jetzt am Morgen fast aufgehört, Radfahren erscheint uns angesichts dunkler Wolken aber nicht ratsam. Also machen wir uns zu Fuss auf nach Bonnasola, was ja irgendwie nach Schönwetter klingt. Der Rad- und Fussweg verläuft auf der ehemaligen Eisenbahntrasse direkt am Meer. Das bedeutet langezogene Kurven, einen ebenen Weg und in dieser schroffen Topografie auch einige Tunnels. Hört sich langweilig an, ist aber in der Realität durchaus reizvoll: An jedem Tunnelausgang erwartet uns ein anderes Bild, oder auch mal ein kleiner Strand. Nach 30 Minuten erreichen wir Bonnasola und sind erstmal erstaunt: Hierher verirrt sich zumindest jetzt im Mai fast kein Tourist. Der Ort scheint gerade erst aus dem Winterschlaf zu erwachen. Restaurants, Strandbars, Geschäfte – beinahe alles ist zu. Die Fussgänger sind an zwei Händen abzuzählen. Dabei ist der Ort fast genauso hübsch wie die 5 T-Dörfer, hat einen grossen Strand und auch sonst alles was man braucht. Wir finden dann doch noch eine offene Bar, nehmen zwei Kaffee und es geht mit einem kleinen Abstecher auf einen Küstenwanderweg wieder zurück durch die Tunnels. Sonne haben wir nicht gesehen heute und immer wieder war es von oben leicht nass, dennoch ein entspannter Tag. Und den beschliessen wir in der dem Camping am nächsten gelegenen Pizzeria.

Am Donnerstag ist Abreise angesagt. Aber: Ein Dorf der 5 Terre fehlt ja noch! Genau, Monterosso. Und das wollen wir heute von einer anderen Basis aus machen, eine Fahrt mit dem Schiff ist auch noch angedacht. Auf geht es. Oberhalb des Ortes, auf ca. 260 Metern liegt der Stellplatz Il Poggio. Von Levanto sind das gerade mal 11 kurvige Kilometer. Oski darf seine Berg- und Kurventauglichkeit wieder mal beweisen. Einige Minuten später stehen wir schon vor der geschlossenen Schranke der Einfahrt zum Stellplatz. Die angeschlagene Nummer gewählt, und wir bekommen telefonisch den Code zum Heben des Schlagbaums mitgeteilt. Zwei Plätze sind noch frei. Oski wird auf einem abgestellt und wir nehmen sogleich den Weg nach Monterosso unter die Füsse. Es geht steil und uneben den Hang hinunter, Knieschlotterer stellt sich kurz vor Monterosso ein, die Bremsen sind heissgelaufen…

Monterosso ist der grösste Ort der Cinque Terre. Es ist alles etwas grosszügiger. Etliche Touristen sind unterwegs, aber nicht so gedrängt wie vorgestern. Es verläuft sich hier etwas besser. Wir schlendern zum Hafen, da wir ja mit dem Schiff die Küste abfahren möchten. Leider ist aufgrund des Wellengangs der maritime Verkehr heute eingestellt, schade, schade. Die Wellen sind denn auch wirklich ordentlich, ein langgezogenes Heben und Senken. Wirklich stürmisch ist es nicht, die Dünung kommt von weit draussen. So chillen wir erstmal an der Mole, schauen aufs Meer und die Wellen. Die für den Rückweg benötigten Kalorien werden in Gelato-Form zugeführt und wir gehen den Aufstieg gemütlich an.

Und warum nun der Titel „Sette Terre“? Ja wir waren schliesslich in sieben Dörfern. Jedes hat seinen Charakter, wobei vier der berühmten Dörfer zumindest auf den Hauptgassen sehr austauschbar erscheinen. Überall die gleichen Souvenirs, fast gleiche Geschäfte, Massen an Touristen. Corniglia auf dem Berg hat uns am besten gefallen. Levanto ist ein hübsches Örtchen, welches einem irgendwie unterbewertet erscheint, weil alles nur zu den anderen Dörfern strebt. Bonnasola schliesslich ist das Mauerblümchen, das von all dem Trubel zumindest jetzt im Mai gänzlich unberührt erscheint. Faszinierende Tage, die aber auch Fragezeichen verursachen. Es gibt in Italien sicher zig Orte wie die fünf Dörfer, aber dort verirrt sich kaum jemand hin. Und in 5 T wird der Tourismus in Extremform zelebriert. Defintiv ein auffälliges Ungleichgewicht an dieser schönen Küste…

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Joachim H. (johebo) sagt:

    Schöner Bericht mit tollen Bildern (aber den besten Koch gab es, wie ich vermuten möchte, im „da Oski“…

    1. vanamericana sagt:

      Danke Joachim. Ja mit dem Essen ist das so ne Sache in Italien. Pizza können sie, aber sonst…

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