Alpen intensiv: Die Steingletschertour

Nach den Italienferien hatte ich eine lange Durststrecke zu überwinden. Abgesehen von der kurzen Fahrt zum Radwechsel war Oski zum Herumstehen in den Katakomben von Chur verdammt. Dienstplan und Terminkalender liessen keine Frühsommertour bis Ende Juni zu. Aber jetzt ist es wieder soweit – ein langes Wochenende, beginnend schon am Donnerstag und schönes Wetter: Das ruft nach einem ausgdehenten Trip.

Ich war aber nicht ganz untätig in den Vorwochen und habe ein von Kai und mir angedachtes Treffen mit anderen Youtubern und einigen Followern am Steingletscher in die Organisationshand genommen. Hier ein Mail, da ein WhatsApp, dort ein SMS – überreden musste ich niemanden. Alle Angefragten hatten Lust, am letzten Juniwochenende zum Steingletscher unterhalb des Sustenpasses zu fahren und dort ein Wochenende zu verbringen. Für Acky von VanFan und Dirk von DIHUTV ist es die erste längere Tour mit ihren nagelneuen Kästen. Dirk von Avanti on Tour wollte eh in die Alpen. Steingletscher mit den Verrückten statt Zillertal – die Entscheidung liess nicht lang auf sich warten. Kai war eh dabei, frisch aus Schottland zurück. Die Basis war geschaffen. Jetzt noch ein paar bekannte Gesicher aus verschieden Touren: Sandra, Karin und Silvio, Ädu, Diana und Kai und noch einige weitere Follower.

Mit den komfortablen 4 Freitagen breche ich schon am Donnerstagnachmittag auf gen Oberalppass, aus den brütenden Junihitze hoch zur Bergfrische. Der See ist mit Eisschollen bedeckt ringsherum türmen sich immer noch Schneeberge. Oski findet sein Plätzchen am Rand es Parkplatzes. Ich laufe zu einem Aussichtspunkt am Leuchtturm vorbei, bewundere die gerade aufblühende Blumenwelt der Alpwiesen und geniesse den Blick ins Rheintal und die Berge des Quellgebiets. Die Sonne verschwindet hinter dem Berg und schnell wird es frisch. Im Oski gibt es Aufgwärmtes, das auch von innen pikant heizt. So allein für sich darf man auch mal aus dem Topf essen, denke ich und dann fallen mir Szenen aus Kais Touren ein, also filme ich mich dabei, irgendwie schräg, aber auch witzig. Kurz darauf begebe ich mich zur Nachtruhe, Freitag ahbe ich noch was vor…

Die Nacht auf dem Pass verlief ruhig, bis am Morgen die ersten Zweiräder den Pass erreichen. Egal, ich will ja eh früh auf. Ein Muckefuck soll erstmal reichen und kurze Zeit später rolle ich nach Andermatt hinab. Das erste Tagesziel ist eine Tour mit dem Stromer von Realp auf den Furkapass. Mal den Akku so richtig leerfahren. Von Realp sind es knapp 900 Höhenmeter und gute 11 Kilometer auf die Furkahöhe. Und die gehe ich jetzt bei angenehmen Morgentemperaturen an. Der Stromer ist keine Bergziege, lässt einen wissen, dass er lieber flaches Terrain mit 40 Sachen als endlose Anstiege mit mehr als 10 % mag. So geht es im Ecomodus mit 10 -11 Stundenkilometern bergauf – mehr Unterstützung lässt den Antrieb schnell überhitzen und die Leistung noch mehr sinken. Somit fleissige Mithilfe des Fahrers, aber gut machbar. Ich spulte die Schleifen der Strasse ab, halte gelegentlich mal für einen Blick ins Tal und lasse den Motor und mich an einem der zahlreichen Wasserfälle entlang der Strasse etwas abkühlen.

Nach einer guten Stunde fahre ich zwischen Schneefeldern und erreiche die Passhöhe. Immer wieder ein schönes Gefühl, oben auf dem Pass, egal wie man hingekommen ist. Nur der Akku, der ist noch nicht leer, hat noch 30%. Und die will ich auch noch brauchen. Also geht es auf steinigem Naturweg noch weiter hoch, bis mich hier der Schnee einbremst – es geht nicht weiter. Aussicht und Stille geniessen, dann wieder zurück zum Pass und auf der Walliser Seite noch ein Stück hinunter bis  zur ersten Kehre. Dann im Powermodus wieder aufwärts, bis der Batteriestand dann doch gegen 10 % sinkt. Und jetzt mit Karacho zurück nach Realp, was ein Spass! Überholt werde ich nur selten und komme gut durchgelüftet wieder unten an. Akku fast leer. Aufgeladen wird er am Nachmittag mit Bordstrom vom Oski.

Auf dem Parkplatz startet gerade der Helikopter mit Material für eine Berghütte. Oski bekommt den Sandsturm voll ab, sieht aus wie nach einem Wüstentrip. Der Fahrwind in Richtung Andermatt bläst wenigstens einen Teil wieder weg und so schlecht passt das staubige Blech auch nicht zu den Reifen, denke ich. Durch die Schöllenenschlucht erreiche ich Göschenen und dann Wassen. Hier beginnt die Stasse zum Sustenpass und die geniesse ich ich nach vielen Jahren endlich mal wieder. Die Ostseite hat eher wenig Kurven und steigt moderat bis kurz vor der Passhöhe. Lediglich die letzetn zwei Kilometer sind steiler und mit einigen Kehren gespickt, bis es in den kurzen Scheiteltunnel geht.

Auf der Berner Seite ist ein grosser Parkplatz und es herrscht einiger Trubel. Die Angekommenen bestaunen wie ich die Schneewände und die Aussicht. Ich mache mich bereit zum Aussteigen, da klopft es an der Tür. Eine nette Dame gibt sich zu erkennen als Followerin und hat Oski sogleich entdeckt, als wir auf den Parkplatz fuhren. Wie sich herausstellte hat Kai sie zum Treffen eingeladen und somit ist ein Wiedersehen am Nachmittag garantiert. Nach dem netten Gespräch fehlt nun noch die letzte kurze Etappe zum Gletscher: Einige Kurven und Kilometer die Sustenstrasse bergab und dann in der gleichnamigen Kurve zum Steingletschergebiet abgebogen. Der Parkscheinautomat hat so seine Tücken, frisst nicht alle Münzen auf Anhieb, woraufs sich ein Gespräch mit einem Bullifahrer vom Bodensee ergibt. Ein Bulli ist auch eine Art Kastenwagen und ich lade Tobias ein, sich doch zu uns zu stellen.

Und so treffe ich schon mit einem ersten Teilnehmer auf dem mittleren der drei Parkplätze am Steingletscher ein.

Oski ausrichten, hierbei hilft ein flascher Stein als „Naturkeil“ unter einem Hinterrad – und die Unterkunft der kommenden Tage steht vor genialer und beeindruckender Kulisse. Unten die ausapernde, flache, bachdurchzogene Moränenlandschaft, dann die steilen Felswände, das Ganze gekrönt von den Gletschern und Schneefeldern. Ein Traum.

Ich verbringe den Nachmittag mit einigen kilinarischen Vorbereitungen: Kartoffeln kochen, Erdbeeren rüsten. Nach einiger Zeit treffen die ersten Teilnehmer ein: Karin und Silvo spendieren sogleich Kaffee und Cremeschnitte, Ädu trifft ein, später Kai und Avanti-Dirk, der satte 600 km abgespult hat. Monika, Jeanette dürfen wir begrüssen und auch Pat und Hanns vom Bodensee sowie Dihu-Dirk und Sandra. Einige Besucher der Youtube-Kanäle kommen später zufällig auch noch dazu – für Gesprächsstoff ist gesorgt und wir sind ein schönes Grüppchen.

Dirks Feuerschale sorgt für die nötige Wärme um den Risotto im gusseisernen Dutch Oven Topf anzusetzen und später die diversen Leckereien zu grillen. Dazu kommen noch diverse Salate aus den Kästen. In der frischen Bergluft und vor dieser Kulisse schmeckt es allen bestens.

Nach dem Essen bekommt die Feuerschale ihre eigentliche Aufgabe: Ein wärmendes Lagerfeuer wird entfacht und rundum bildet sich ein Stuhlkreis – es zieht jetzt frisch von den Gletschern und Schneefelder herunter. Kurz nach Neun taucht die untergehende Sonne, die Szenerie in ein bezauberndes Alpenglühen – was für ein Bild. Der harte Kern wartet ab, bis Diana und Kai nachts kurz nach Zwei eintreffen. Und dann nix ab in die Koje – ich will ja den Morgen nicht komplett verschlafen…

Die Nacht war ruhig, auch die späte Ankunft von Acky und Uwe – es muss wohl halb drei gewesen sein – hat mich nicht geweckt. Aber die Morgensonne dann doch. Es ist immer witzig, wie sich die sonnenbeschienene Seite des Kastens erwärmt und knackend ausdehnt. Ein Blick aus dem Fenster – alle sind schon wach und auf, die Gespräche schon in vollem Gang.

Ich dusche erst noch, richte das Müesli und begebe mich dann zum Trupp dazu. Willkommen Acky und Uwe! Schon kurz darauf ist das Frühstücksbuffet auf den Tischen und wir geniessen es in dieser grossartigen Location bei wolkenlosem Himmel.

Das Leben kann so schön sein…

Ich lasse Sparky einige Runden drehen, laufe zu den Schneefeldern an den Felsen und bestaune die gerade aus dem Winterschlaf erwachten Blumen mit ihren intensiven Farben. Treffe Acky, Uwe und Dirk, die die Szenerie von einem Hügel aus betrachten. Ich glaube, auf sie muss das Ganze hier noch viel beeindruckender wirken, als auf die berggewohnten Schweiz-Bewohner. Und so geniesst jeder auf seine Art dieses Treffen…

Am späteren Vormittag ist eine Wanderung zum Steingletscher auf dem Programm. Circa eine Dreiviertelstunde geht es einigermassen steil dorthin. Ein Prüfung für Mensch und Schuhwerk, die nicht für alle geeignet ist. Aber die Wanderung wird so fotografiert und gefilmt, dass der Steingletscher zumindest für jeden auf irgendeine Art zu sehen ist. Wir erklimmen schnaufend das erste lange und steile Schneefeld, statt den richtigen Weg zu nehmen. Egal, auch die Flachländer meistern diese Herausforderung mit Bravour. Und sie werden belohnt mit einmaligen Ausblicken, die wohl kaum jemand je vergessen wird. So erreichen wir dann das Felsplateau mit dem Blick auf das Gletscherende und staunen, was wir hier zu sehen bekommen.

Ich beschliesse, dass ich es nicht dabei bewenden lasse, ich will AUF den Gletscher. So klettere ich dann in Begleitung von Silvio zum Schneefeld hinunter, das schliesslich auf den Gletscher führt. Man kann es leichtsinnig nennen, ich bezeichne es als kalkuliertes Risiko, den leicht ausgetretenen Pfad im Schnee nur wenige Meter oberhalb eines riesigen Loches in der Schneedecke am Gletscherende ohne Seil und Steigeisen zu begehen. Und wir werden nach der heiklen Stelle belohnt mit einem einmaligen Moment auf dem Gletscher, der für immer in meiner Erinnerung bleiben wird. War der Aufstieg schon Nervenkitzel, ist der gleiche Weg abwärts nochmals eine andere Liga. Wir hatten beide Respekt vor dem „Höllenschlund“, waren defintiv froh, als wir diesen mit allen Krallen im Schnee passiert hatten. Yes! Made it!

Wir geniessen nochmals den Blick, diskutieren auch den Rückgang des Gletschers und unseren Anteil daran, bevor wir dieses einmalige Erlebnis mit dem Abstieg abschliessen. Jeder Schweisstropfen, jeder mühsame Schritt war es wert.

Unten angekommen ist erstmal Ausspannen angesagt. Wir hocken uns vor die Kästen, trinken Kaffee, esssen Kais Zimtschnecken und führen lockere Gespräche rund um unser gemeinsames Camperleben. Wieder zeigt es sich: Wenn sich Fremde treffen, die nur eine gleiche Leidenschaft haben, dann sind neue Freundschaften und Kontakte nicht weit. Und alle sind froh, auch teils grosse Entfernungen auf sich genommen zu haben. So soll es sein…

Das weitere Prozedere ähnelt dem Vorabend: Die Feuerschale wird angeheizt und zum Grill gemacht, der schneegekühlte Kartoffelsalat vom Freitagnachmittag ist nur eine von vielen Leckereien zu den Grilladen. Dem Bergwind begegenen wir mit Ackys Rusty, der umgeparkt fortan als Windschott dient. Nach dem Dessert gesellen wir uns wieder zum Lagerfeuer und lassen den Abend ausklingen, bis die letzte Dämmerung dem Blick in den Sternenhimmel Platz gemacht hat. Hier auf 2000 m und ohne Lichtverschmutzung ein ganz besonderes Erlebnis. Schlussendlich kommen die von Tobias gesponserten Marshmallows noch aufs Feuer. Mmmh, das war genau das Richtige in der frischen dunklen Nacht 😉

Sonntagmorgen deckt sich die Tafel wieder. Verhungern muss niemand, alle spendieren mehr als genug. Trotzdem mache ich noch den von Diana gewünschten Röschti, der dann auch die Runde macht. Auch heute war das gemütliche Frühstück wieder einmalig, jeder Moment zum Geniessen. Einiger der Weitgereisten machen sich am späteren Vormittag wieder auf die Reise. Diana und Kai, Acky , Uwe und Dihu-Dirk treten die Heimreise an und können den Sustenpass bei bestem Wetter nun auch im Tageslicht geniessen. Danke, dass ihr da wart und die Kilometer unter die Räder genommen habt!

Mit Karin und Silvio mache ich dann eine kurze Wanderung zu einem kleinen See auf dem Höhenzug gegenüber der Gletscherwelt. Hier ist die Natur ganz anders. Zwischen den Granitplatten blühen die Alpenrosen, bei den Heidelbeeren hat der Refungsprozess gerade erst begonnen und die Vegetation hat an vielen Stellen Hochmoorcharakter – auch sehr faszinierend, diese Unterschiede auf kleinstem Raum. Nach einer guten halben Stunde erreichen wir den Seebergsee, der im hintern Teil noch von einer Schneefläche bedeckt ist. Kristallklar und kalt vor wunderbarem Panorama, so muss ein Bergsee sein. Nach kurzem Aufenthalt treten wir den Rückweg an, bestaunen die Gletscherwelt aus leicht erhöhter Perspektive und sind froh, diese kleine Wanderung auch noch eingebaut zu haben, während sich das Wochenende langsam dem Ende neigt.

Voll im Campermodus habe ich schon vorher mit Avanti-Dirk abgemacht, dass wir noch eine Nacht auf dem Pass dran hängen. Ich habe Montag Spätschicht und kann somit morgens direkt zur Arbeit abfahren. Die Wahl fällt auf den Nufenenpass, der etwas über zwei Stunden Fahrzeit vom Steingletscher entfernt liegt. Dazwischen, nicht minder attraktiv, der Grimselpass. Ein adäquater Abschluss für das extralange Wochenende. So verabschieden wir uns von den letzten Anwesenden und starten nachmittags gegen 5 zur Pässetour. Es läuft gut die Berner Seite des Sustens hinunter. In Innertkirchen biegen wir links ab zum Grimsel und kommen an den Gebäuden der Kraftwerke Oberhasli vorbei, welche die Parkplätze am Gletscher bewirtschaften. Zum Grimsel hoch ist es immer eine schöne Fahrt. Die Strasse gut ausgebaut, die Landschaft spektakulär, die Kästen schnaufen zwar auf den steilen Abschnitten, aber insgesamt stellt der Grimsel keine grosse Herausforderung dar. Auf der Passhöhe ist immer noch gut Betrieb, geeignete Parkplätze finden sich erst auf der Walliser Seite neben einer meterhohen Schneewand. Auch der Grimselsee ist noch gefroren und die Landschaft erinnert an arktische Regionen.

Nach kurzem Foto- und Filmstopp führt uns die Fahrt die langen Schleifen bis Gletsch hinunter. Ich geniesse die Ausblicke zur Furka und ins Wallis. In Gletsch wird die Strasse etwas enger und steiler, der schluchtartige ober Teils des Rhonetals muss überwunden werden, bevor es durch einen lichten Lärchenwald nach Oberwald hinunter geht und der Talboden des Goms erreicht ist.

Wenige Kilometer später biegen wir in Ulrichen auf die Nufenenstrasse ab und es geht wieder gut bergauf. Der Nufenen ist immer wieder beeindruckend. Zuerst geht es weitgehend im Talboden durch Wald und am Bach entlang, später klettert die Strasse einen schroffen Berghang hinauf, was unglaubliche Tiefblicke ermöglicht. Auf der Passhöhe bietet sich ein atemberaubendes Panorama. Die Höhe von fast 2500 m ist gut spürbar – der Blick geht weit ins Wallis. Auf dem Nufenen hat es mehrere Parkplätze, die teils auch schon von Wohnmobilen genutzt werden. Verbotsschilder gibt es keine, zahlen muss man, anders als am Grimsel auch nichts. Wir stellen die Autos neben die Strasse und Dirk hat seinen kleinen Grill in kürzester Zeit auf Temperatur. Es gibt Reste der Vortage und wir geniessen diese bei bester Aussicht auf unserer kleinen Terrasse.

Zwei Steinböcke tauchen am gegenüberliegenden Felsen auf und laufen über das Schneefeld furchtlos Richtung Strasse. Ob sie unser Essen gewittert haben und gleich zu Besuch kommen? Sie sehen jedenfalls wohlgenährt aus und scheinen fast handzahm. Das fällt auch vielen Autofahren auf – in Kanadas Naturparks gibt es Stau, wenn ein Bär an der Strasse zu sehen ist, hier am Nufenen ist es halt der Steinbockstau…

Später lassen wir den Abend gemütlich im Avanti ausklingen und die Tage Revue passieren.

Der Montag ist schnell erzählt: Im Oski gibt es nochmals Frühstück und kurz nach zehn heisst es Abschied nehmen. Dirk macht noch einige Tage die Alpen unsicher, ich fahre aus knapp 2500 m Höhe zur Arbeit zurück ins Bündnerland.

Ja, so ein Wohnmobil eröffnet doch ganz neue Perspektiven und Tagesabläufe…

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  1. Joachim Hertrampf sagt:

    Ein sehr schöner und ausführlicher Bericht und die perfekte Ergänzung zu den Videos! Danke für die Mühe, die Du Dir damit gemacht hast!

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