Cancano – Kanadafeeling im Grenzland

Freitagnachmittag um 5, Lidl-Parkplatz Landquart, 3 Männer, 3 Kästen, so die Vorgabe. Auf Google Maps hatte ich mal eine serpentinenreiche Strasse in Norditalien gesichtet, dazu zwei Stauseen in schöner Lage im Grenzland von Graubünden und der Lombardei. Schon im Winter 18/19 war ich mit Kai einig: Das machen wir im Sommer! Und jetzt ist der Moment gekommen, an dem es losgeht. Lago di Cancano heisst der untere und grössere der beiden Seen, die ganz in der Nähe des Stilfserjochs im gleichnamigen Nationalpark liegen. Der Weg dahin ist via Luftlinie nicht weit, tatsächlich stehen jedoch einige Berge dazwischen, die mit Passstrassen oder Tunneln überwunden werden müssen.

Volker, unser Mitfahrer aus Solothurn, ist schon mit seinem 640er Globecar bereit, Kai kommt aus dem Laden und wir begrüssen uns. Kurze Routenbesprechnung und es geht los. Hinein ins Prättigau, dann nach Davos, von dort auf den Flüelapass. Immer wieder denke ich an die Wintertour zum Flüela zurück, während wir langsam Höhe gewinnen. Den Pass mit Winterbildern im Kopf im Hochsommer zu fahren ist interessant. Die Bergkulisse ist die gleiche, aber die Farben der sommerlichen Landschaft geben ein völlig anderes Bild. Unser schöner Übernachtungsplatz am Testgelände ist jetzt ein kaum zu beachtender Längsparkplatz am Strassenrand mit einer Alpwiese dahinter. Zügig geht es aufwärts, nur wenige Autos überholen uns bis zur Passhöhe. Mit einem Kastenwagen und mehr als 160 PS ist man kein Hindernis und kann gut mitschwimmen. Links und rechts der Flüelastrasse finden sich immer wieder Parkplätze mit einem oder mehreren Wohnmobilen darauf. Auf der Davoser Seite des Passes darf man tatsächlich freistehen. An der Passhöhe stoppen wir, Fotos und bewegte Bilder kommen auf die Speicherkarten und wir diskutieren die weitere Route. Ofenpass, Umbrailpass? Oder doch lieber durch den Tunnel nach Livigno? Zweitere Variante kostet Tunnelmaut, ist aber deutlich kürzer. Die erste ist auch attraktiv, könnte aber mit einer Ankunft im Dunkeln enden. So richtig entschieden haben wir uns nicht, während wir die steile Ostseite des Flüela hinunterbremsen. Unten in Susch biegen wir ab nach Zernez, also in Richtung Oberengadin. In Zernez beginnt die Ofenpassstrasse, die wir in jedem Fall befahren müssen. Der Ofenpass ist einer meiner Lieblingspässe. Nicht so sehr wegen der Strassenführung, sondern aufgrund der grandiosen Lanschaft. Die Strasse führt teilweise durch den Nationalpark, ist aber auch ausserhalb der Parkgrenzen in eine wilde Natur eingebettet. Der Munt la Schera Tunnel nach Livigno zweigt von der Strasse schliesslich einige Kilometer unterhalb der Passhöhe ab. Einst für den Bau der Staumauer aus dem Fels gehauen führt der an einen Stollen erinnernde einspurige Tunnel quasi direkt zur Staumauer. Angesichts der fortgeschrittenen Tageszeit wähle ich diese Variante, die sich später als Glücksgriff erweisen sollte. Vor der Staumauer gibt es noch einen Parkplatz am See. Die Gegend fasziniert durch ihre an die kanadischen Rocky Mountains erinnernde Landschaft. Das gegenüberliegende Ufer scheint völlig unberührt, langgezogene Steinhalden münden in den See, ich habe ein Deja Vu, wähne mich in der Nähe von Banff. Grossartig.

Die Fazination wird kurzzeitig etwas getrübt. Zahlen normale Autos und Kleinbusse 17 Franken für die einfache Durchfahrt, dürfen Wohnmobilfahrer deutlich mehr blechen: „25 Franken bitte“, tönt es aus dem Kassenhäuschen. Da muss ich doch kurz trocken schlucken. Für weniger als 4 Kilometer Tunnel ein übler Wegezoll, den die Engadiner Kraftwerke hier erheben. Kurz genervt, holt mich die Landschaft schnell wieder runter. Aus der in einer langen Galerie verlaufenden Strasse ergeben sich immer wieder schöne Blicke zum unberührt erscheinenden Lago di Livigno. Livigno selbst ist geprägt durch zahlreiche Tankstellen, Shoppingtempel, Outlets und natürlich die dazugehörige Gastronomie und Hotellerie. Auch ein proppenvoller Campingplatz gehört dazu. Ich schmunzle: Kais Alptraum, so muss er aussehen…

Der Ort ist zollfreie Zone, weil die Erreichbarkeit besonders im Winter lange eingeschränkt war. So schön der Ort liegt, so touristisch ist er auch. Wir fahren durch und es geht zum Passo d‘ Eira hoch. Volker nutzt vorher die günstigen Dieselpreise und füllt auf. 120 l wollen getankt sein, so dass wir uns kurz aus den Augen verlieren. Aber so können wir die Fahrt auf den Pass auch videotechnisch festhalten und filmen uns gegenseitig. Vom ersten Pass geht es dann nur unwesentlich hinab in eine weite Senke, bevor die Strasse zum Foscagnopass neuerlich ansteigt. Kurz hinter der Passhöhe endet das Zollfreigebiet an einem Zollhäuschen. Die Beamten hängen an den Smartphone, wir rollen ungeprüft durch.

Und dann der unerwartete Fund des Übernachtunsplatzes: Nach einer Galerie findet sich vor einer Kurve eine Einfahrt mit einem kleinen Parkplatz. Ich fahre heraus, springe zwecks Videoaufnahmen auf den in der Kurve liegenden Schutzdamm. Volker fährt von sich aus auf den Parkplatz raus. Ich sehe mich kurz um – kurzer Schotterweg, dann ein grösserer Kiesplatz hinter dem Damm, garniert von einem kleinen Wasserfall und dem zugehörigen Bach. Zeit und Ort wären recht um hier zu bleiben. Ich winke Kai vom Damm zu, er solle rausfahren. Dann laufen wir das kurze Stück hinunter. Feuerstelle ist auch schon eingerichtet, Blick auf die Uhr, halb acht, Hunger, wir bleiben. Somit nicht heute zum Cancano hoch sondern erst morgen – macht nix.

Volker macht den Anfang, tastet sich die kurze Schotterpiste hinunter, kein Problem, dann Kai, zum Schluss ich. Was für ein genialer Platz! Von der Strasse hinter dem Damm bekommt man ansolut nichts mit. Kai bringt das Feuer in Gang, Volker sorgt sich um die Vorspeise, ich bereite das Essen vor. Es gibt Pizzoccheri Neri, ein Gericht aus dem nahen Puschlav, wie die Gegend unterhalb des Berninapasses bis nach Tirano genannt wird: Buchweizennudeln mit Kartoffeln und Gemüse, Bouillon und Käse – und die koche ich im Dutch Oven direkt auf dem Feuer. Der Topf wird mit Bachwasser gefüllt. Das Gemüse kommt in das kochende Wasser, 5 Minuten später die Nudeln dazu und dann köcheln, bis alles gar ist. Verfeinern mit Knoblauch, Salbei in Butter angedünstet – ich gebe noch etwas Salamiwürfel dazu. Zum Schluss ein Schuss Rahm und geriebener Alpkäse darüber. Lecker! Und der Lotusgrill ist für die Tessiner Bratwurst von Kai zuständig, die machen wir auch noch dazu und müssen defintiv nicht hungern.

Nach Einbruch der Dunkelheit wird es frisch, wir sind ja auch auf über 2000 Metern über Meer. Da kommt das Lagerfeuer gerade recht und begleitet uns den Rest des Abends. Einfach genial…

Samstag: Zugegeben, das Plätschern und Glucksen des Baches neben Oski war gut zu hören, das Rauschen des Wasserfalles hingegen nicht. Aber schlecht habe ich deswegen nicht geschlafen, bin trotzdem vergleichsweise zeitig auf und halte die Tradition des Drohnen-Frühfluges am Leben. Die Berge hüllen sich teilweise in Wolken, aber trotzdem eine schöne Stimmung, die uns auch beim Frühstück erhalten bleibt. Am späteren Vormittag rollen die drei Kästen schliesslich ins Tal hinunter. Es ist gut Verkehr und nach zwei, drei Fotostops verliere ich Kai und Volker aus den Augen. Aber das Ziel ist ja bekannt. Ich wähle die „Hauptstrasse“ zu den Seen, eine oft einspurige Strasse, die sich in langen Kehren den Berg hocharbeitet. Irgendwann kommt eine Art Mautstelle: Tagesticket 5 Euro. Die Frage nach der Übernachtung wird vom Parkwächter mit „No Camping“ beantwortet. Ich habe das geahnt – in allen Luftaufnahmen und StreetView-Bildern sind keine Camper zu sehen, auch Park4Night verzeichnet hier keinen Eintrag und das Gebiet ist Nationalpark. Es gibt definitiv nur Tagestickets. Die Enttäuschung ist aufgrund der Vorahnung nicht gross und ich fahre weiter die Strasse hinauf, während die Ausblicke ins Tal immer spektakulärer werden, einfach grandios.

Nach einem kurzen Tunnel halte ich bei zwei alten Turmruinen, um einen Blick ins Tal zu werfen und die beiden Kollegen möglicherweise bei der Hochfahrt zu filmen. Hier ergibt sich ein toller Blick auf die Zick-Zack-Strasse, aber andere Kastenwagen sind nicht auszumachen. Ich beschliesse weiter zu den Parkplätzen am See zu fahren und dort telefonische Kontaktaufnahme zu versuchen. Aufgrund des wackeligen Netzes nicht ganz einfach, aber schliesslich erwische ich Kai, der schon auf der anderen Seite des Staudamms war. Seine Fahrt zum Parkplatz kann ich schön mit der Drohne filmen. Und überhaupt die Landschaft: Einfach sehr eindrücklich, dieses Gebiet. Die Berge mit zahlreichen Rutschgebieten und naturbelassenem Wald, die türkisfarbenen Seen, das weitläufige Tal. Zwischen Jasper und Lake Louise in Kanada sah es ganz ähnlich aus…

Kai erreicht den Parkplatz und ist ebenso begeistert. Von Volker keine Spur. Dumm, dass wir seine Telefonnummer nicht haben, aber ist eh schwierig hier. Wir beschliessen, die geplante Biketour anzugehen. Einmal um die Seen, so der Plan. Und es radelt sich gut hier, schöne Naturstrasse, wunderbare Aussichten und zu Beginn Rückenwind. Wir erreichen die zweite Staumauer, die den Lago San Giacomo aufstaut und wechseln über die Mauer die Talseite. Am Ende des Sees führt ein Schotterweg weiter ins Tal hinein. Die Bilder von Google waren vielversprechend, also fahren wir weiter ins Tal. Ein breites Steinfeld markiert eine Art Pass – die Wasserscheide zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer liegt hier. Weiter hinten führt der Weg über die nur durch einen Stein markierte Grenze ins Schweizer Val Mora, ein wildes Tal das bei Wanderern und Mountainbikern sehr beliebt ist. Kein Wunder, die Szenerie ist ebenso wild wie der Weg hier. Etwas Vorsicht ist beim Fahren geboten. An einem Steilstück lassen wir es dann gut sein. Kurze Pause, ein Appenzeller Biber, ein Schluck Wasser und wir gehen den Rückweg zum See an. Und dann müssen wir bis zum Parkplatz noch gut gegen den Wind anstrampeln.

Dort steht mittlerweile auch der dritte Kasten. Volker hat uns also gefunden, ist aber erst seit wenigen Minuten da. Nachdem sein Navi ihm den Weg zu den Seen partout nicht weisen wollte, hat er mit seinem Globecar kurzerhand noch eine Pässetour unternommen. Aber jetzt ist alles gut, ich mache einen Kaffee, der Kuchen wird von Volker spendiert und wir sitzen noch entspannt in der Nachmittagssonne bevor wir die Talfahrt angehen.

Was jetzt noch fehlt, ist ein Platz zum Übernachten. Und hier greifen wir auf Bewährtes zurück: Wir fahren wieder hinter den Schutzdamm. Dort war es angenehm und wir können wieder Feuer machen. Was sich heute unterscheidet ist das Essen: Ich habe einige Hacksteaks dabei und einiges Gemüse. Kai meint, Hacksteak ohne Hamburgerbrötchen geht gar nicht. Aus Brot, Zopf, Käse und den Buletten basteln wir und dann die Hamburger – mmmh, ganz lecker 😉  Dazu Gemüse vom Grill und einige Folienkartoffeln liegen auch noch in der Glut. Wieder geniessen wir das abendliche Feuer und die ungestörte Ruhe hier. Einfach ein genialer Platz. Jackpot!

Am Sonntag prasselt es frühmorgens auf Oskis Dach, das weckt mich, aber ich faulenze noch etwas und drehe mich noch ein paar mal. Später dann etwas Hausarbeit, Geschirr abwaschen, duschen und irgendwann regt sich auch bei den Nachbarn was.

Die nicht gegessenen Ofenkartoffeln werden zu einer Käserösti umfunktioniert und landen auf dem reichhaltigen Frühstückstisch. Kai isst die Rösti auf Zopf, was für ein Bild…

Ein Regenschauer beendet das Frühstück schliesslich jäh und jeder macht seinen Wagen reisefertig für die Rückfahrt. Kurz vor Mittag brechen wir auf. Von Volker verabschieden wir uns – er nimmt wieder den Weg durch den Tunnel. Wir hingegen wollen via Forcola di Livigno, Bernina, Albula zurückfahren. Macht zusammen mit Foscagno, Eira und der Lenzerheide sechs Pässe an einem Tag, wow!

Tanken in Livigno ist fast Pflicht. Der Liter Diesel kostet 94 Cent. 30 Liter gehen in den Spritbunker von Oski. Dann führt die Fahrt durch den langezogenen Ort zur Forcola di Livigno, dem Grenzpass zu Schweiz hoch. Die eidgenössische Zollstation liegt einige Kilometer unterhalb der Passhöhe und ist mit mehrerern Zöllnern besetzt. Ich werde gefragt, ob ich was zu verzollen habe. „Nein“ lautet meine wahrheitsgetreue Antwort. Trotzdem wird nachgehakt, ob mir das Fahrzeug gehört, nach Jahrgang, Kilometerstand, wo ich gewesen sei. Und der Grenzer will auch einen Blick ins Wageninnere werfen. Also mache ich die Schiebetür auf, fahre die Trittstufe aus und er mustert Oski von innen. „Alkohol?“. „Getrunken“, erwidere ich. Er mustert den Innenraum, fragt auch ob er den Kühlschrank öffnen dürfe. Natürlich darf er…

Irgendwie kommt es mir vor, als wolle er den Camper mal von innen sehen, weil die Kontrolle schlussendlich doch sehr oberflächlich ausfällt. Und ich weiss, wovon ich rede, gehört ja auch zu meinem jetzigen Beruf 🙂

Während ich als Graubündner kontrolliert werde, schlüpft Kai ohne Stop durch die Station und wartet oben am Berninapass auf mich. Kurzer Fotohalt, dann rollen wir ins Oberengadin hinunter, lassen Pontresina rechts und Samedan links liegen, bevor wir in La Punt den Anstieg zum Albulapass in Angriff nehmen. Immer wieder mal wird die Kamera aus dem Auto gehalten und wir bannen noch einige dynamische Fahrszenen auf die Speicherkarten.

Die Albulastrasse ist fahrerisch durchaus anspruchsvoll und macht unabhängig vom Fahrzeug einfach immer Spass. Und auch der restliche Heimweg über die Lenzerheide bietet Fahrvergnügen und macht das halbe Dutzend Pässe an diesem Nachmittag voll.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Kai sagt:

    Hallo Jens,
    nochmal alles miterlebt beim Durchlesen. Ein tolles Wochenende war das! Sehr schön geschrieben und tolle Bilder.
    Ich würde ja jetzt sagen, das müssen wir bald mal wiederholen…aber das schieben wir dann wohl auf Winter 2020/2021 :).
    Viele Grüsse
    Kai

    1. vanamericana sagt:

      Danke Kai. Ja das ist das Dankbare an unserem „Job“: Wir erleben den gleichen Trip zigfach nochmals 😉 Ich laufe gerade am Lago Naret umher und bin am Frühstückstisch, haha. Frühwintertour im Advent ist gebucht 🙂

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