Tuors – Im Herzen von Graubünden

August: Der Sommer 2019 ist schon etwas fortgeschritten. Aber warme Temperaturen und schönes Wetter treiben einen auch weiterhin in die Berge. Freitagabend geht es nach Feierabend sogleich los. Nur 15 Minuten Fahrt trennen mich von Kai und Zottl, die in Sarn auf dem Heinzenberg stehen. So tuckere ich mit Oski los und nehme die Schleifen bis zum Parkplatz am Skilift Sarn/Lescha entspannt. Der Platz ist geräumig und verspricht tagsüber eine Bombenaussicht, jetzt ist es einfach nur dunkel. Ich erspähe Zottl, jemand scheint noch wach zu sein. Kai ist in der Küche zugange, kümmert sich heute ums Essen. Wer sich nicht wehrt, landet am Herd, hahaha – nein, er macht es gern und sein Kochen endet nicht in einer Küchenkrise, sondern in einem leckeren Geschnetzelten mit Pilzen und Reis. Mmmhh, danke dafür! Sich nach der Arbeit an den gedeckten Tisch zu setzen, genial! Wir verbringen einen gemütlichen Abend in der guten Stube von Zottl und eine ruhige Nacht auf dem Berg.

Am Samstag wache ich recht früh schon vor 8 auf. Die Sonne scheint durch die Restbewölkung. Die Drohne darf die Szenerie von oben einfangen, dann gibt es Frühstück in Form von Müesli und Ausgleichsmasse. Herrlich hier oben mit dem Blick in die Berge. Am späteren Vormittag rollen wir wieder ins Tal. Kurzer Einkaufsstopp in Thusis – dann führt uns die Schinstrasse nach Tiefencastel und dort in Richtung Albulapass. Eine Strecke, die ich gut kenne und immer gern fahre. In Bergün biegt die Strasse nach Latsch und ins Val Tuors schon vor dem Ortszentrum links ab. Schnell wird es schroff, links Fels, rechts der Bach und wir dazwischen auf der schmalen Strasse. In einer Kurve biegen wir endgültig ins Tal ab. Ein Stück weit Naturstrasse, führt der Weg durch ein Rutschgebiet, das an einen Steinbruch erinnert. Fotostop. Grobe Reifen in ihrem natürlichen Habitat, etwas Abenteuer für die Kameralinse muss sein 😉 Noch ein kurzes asphaltiertes Stück und wir sind schon auf dem untersten der Parkplätze im Tal. Hier steht nicht nur der Parkscheinautomat, sondern der Platz ist auch geräumig und eben. Holz liegt auch herum, eine provisorische Feuerstelle ist bereits vorhanden. Die Strasse führt quasi um den Platz herum und der Bach liegt hinter einer Wiese 30 Meter weiter unten. Der Entschluss ist klar: Hier bleiben wir. 6 Franken für 24 Stunden, die zahlen wir gern. Die Strasse und die Parkplätze in Schuss zu halten, das kostet die Gemeinde jedes Jahr enorme Beträge. Danke Bergün!

Klare Absicht war eine Mountainbiketour im Val Tuors. Das Tal bietet sich dafür an, das wissen anscheinend nicht nur wir. Immer wieder begegnen uns auf der Bergfahrt Radfahrer. Und so schwingen auch wir uns auf die Drahtesel und müssen sogleich ordentlich Muskelschmalz investieren, es geht gut bergauf und die Beine sind noch kalt. So trampeln wir engagiert in die Pedale und erleben das zuerst schroffe und dann zunehmend lieblicher werdende Tal vom Sattel aus. Vorbei an einem kleinen Weiler erreichen wir das Dörfchen Chants, welches heute nicht mehr ganzjährig bewohnt ist. So muss ein Bündner Bergdorf aussehen… Wir machen eine kurze Pause, fotografieren die pittoreske Szenerie. Das Heidi könnte grad ums Eck kommen, denke ich. Dann beschliessen wir, die Alpstrasse, die südlich aus dem Dorf herausführt, auch noch ins Programm zu nehmen. „Alp digl Chants 45 Min“, steht auf dem Wanderwegweiser. Das bekommen wir hin. Aber es geht von nun an mächtig steil bergauf. In Prozent kann es nur geschätzt werden, aber beide finden wir uns öfters im ersten Gang wieder, und das bedeutet bei einem Mountainbike sozusagen 1:1 Schritttempo. Kurve um Kurve windet sich die Schotterstrasse im Wald den Hang hoch und erst nach einiger Zeit verlassen wir diesen wieder. Die Bäume werden weniger und kleiner, wir bewegen uns in Richtung Waldgrenze und die liegt bei ca. 2000 m. An einer Verzweigung kommen wir zu einem Schild „Kaffee und Kuchen“, das gibt noch einen Energieschub für die letzten Meter! Froh sind wir, als wir das Alpgebäude erblicken. Die Tafel am Wanderweg sagt 1999 m. Am Tisch der kleinen Alpwirtschaft haben wir also 2000, juhu…

Die Alp ist liebevoll geführt. Südtiroler Gastfreundschaft mit Vinschgauer Dialekt. Das was die Tischnachbarn auf dem Jausenbrett haben, sieht lecker und reichhaltig aus. Wir gehen volles Risiko und nehmen eine süsse Spezialität namens „Scheiterhaufen“. Dieser erweist sich als eine gebackene Mischung aus Weissbrot, Nüssen, Äpfeln, Rosinen und Ei. Gewürzt mit etwas Zimt und in einem See aus Vanillesauce. Dazu zwei Kaffee – perfekt! Wir geniessen die Ruhe, die schöne Umgebung, die Stimmung und den Geruch des Arvenholzes, aus dem Tisch und Sitzbank bestehen. Mehr als eine Belohnung für das anstrengende Hochradeln. Aber natürlich ist die die rasante Abfahrt die eigentliche Belohnung. Wir rollen in deutlich forciertem Altherrentempo die kurvige Piste hinunter. Und das macht wirklich Spass. Den Berg selbst zu erkämpfen und dann das Vergnügen an der Abfahrt haben, das ist es, das ursprüngliche, unverfälschte Mountainbike-Downhill-Erlebnis. Rasant nehmen wir auch den Abschnitt von Chants zum Parkplatz hinunter und biegen breit grinsend zu unseren Mobilen ab. Genial…

Jetzt ist Ausruhen angesagt: Wir hocken auf den Stühlen, geniessen die Ruhe. Ein Ladewagen mit einer ganzen Familie fährt zum Holz, lädt einen Ster auf, verlässt grüssend den Platz, ein Traktor nimmt grad drei Holzrollen auf die Gabeln, auch die Familie kommt nochmals vorbei. Ja, wer mit Holz heizt, der hat immer zu tun, denke ich. Ansonsten praktisch kein Verkehr. Der Nachmittag geht langsam in den Abend über, Tisch und Sitzgelegenheiten sind zwischen Oski und der Feuerstelle platziert, wir suchen etwas Holz zusammen. Da nebenan am Holzplatz überall Holzschnitze und Sägereste herumliegen, ein leichtes Unterfangen. Gegen halb sieben entzünden wir dann das Lagerfeuer, sorgen für schöne Glut, damit der gusseiserne Dutch Oven genügend Hitze bekommt. Zucchini, Zwiebeln, Knoblauch und Reis ergeben zusammen mit den später hinzugefügten Tomaten einen leckeren Gemüserisotto. Der Topf wird beiseite gestellt und ein dicker, aber als Bratfläche geeigneter Granitbrocken vom Hang über der Strasse kommt in die Glut. Wir legen ordentlich nach um diesen auf Grilltemperatur zu bringen. Ein Unterfangen, das dann doch viel Geduld erfordert: Bald eine Stunde heizen wir rund um den Stein gut ein, bis die Würste endlich brutzeln.

Dem Granit war das dann doch zuviel, die zuerst feinen Risse werden zu Spalten und der Stein ist irgendwann gedrittelt. Das „hart erarbeitete“ Essen haben wir umsomehr genossen und verbringen wir einen Lagerfeuerabend, wie man ihn sich hier in Europa eigentlich nur erträumt. Gut geräuchert fallen wir in die Betten.

Sonntag: Oski knistert und knackt, die Sonne scheint auf das Blech und weckt mich auf diese Art. Der Himmel ist wolkenlos, die Temperatur schon vor neun Uhr sehr angenehm, ausser uns ist niemand hier. Frühstück! Heute etwas reichhaltiger mit Zopf, Butter, brauner Streichmasse und weiteren Zutaten. Die Szenerie gigantisch, beschliesse ich, das mit der Drohne aus luftiger Perspektive festzuhalten. Der kurze Flug und die Ruhe werden leider jäh gestört.

Hinter unseren Kästen rollt ein Auto auf den Parkplatz zum Parkomat, nicht das erste heute und somit nicht ungewöhnlich. Kurz darauf hören wir schnelle Schritte hinter den Kästen auf uns zukommen, hmmm… Hinter den Schritten verbirgt sich eine mittelalte Frau in T-Shirt, Dreiviertelhosen und Crocs mit Züricher Dialekt und offensichtlich nicht allzuguter Laune. “ Super! So schöne Natur und dann dieser Drohnenlärm“, erbost sie sich. „Und Campieren ist hier sowieso verboten“ feuert sie nach und verschwindet, bevor wir adäquat reagieren und sie zu einem Kaffee einladen können. Das Auto fährt dann, natürlich völlig geräuschlos, die Strasse weiter hoch. Wir sind uns einig, ihr Tag ist für die nächste Stunde versaut, unserer auch für einige Minuten, weil wir rätseln, was Menschen zu solchen Aktionen treibt. Stress an der Arbeit, Dichtestress, private Probleme – wir wissen es nicht. Leicht nachdenklich frühstücken wir weiter, während der Ärger über dieses Verhalten wieder abebbt. Ich erkunde die Wiese, eine Bergwiese voller Blumen, Schmetterlinge flattern umher, Heuhüpfer hocken überall und geben zirpend ihr Bestes, Hummeln und Bienen saugen an den Blüten. Sehr beeindruckend, dieser Mikrokosmos.

Kurz nach Mittag machen wir die Kästen fahrbereit. Wir wollen noch einen Stellplatz oberhalb Savognin in Augenschein nehmen. So rollen wir das Albulatal hinunter, ich lasse Oski in Tiefencastel stehen und werde Copilot in Zottl. Wenige Minuten sind es bis Savognin. Hier gibt es einen Park4Night-Eintrag kurz oberhalb des Dorfes. Das eigentliche Interesse haben wir aber an einem Waldparkplatz, der deutlich höher liegt. Das Google-Auto war noch nicht dort und auch sonst sind Informationen rar. Das wollen wir ändern. So erklimmt Zottl die schmale Strasse aus dem Dorf heraus. Es geht steil bergauf, der Asphalt endet und wir fahren auf Schotter weiter. Ja, der Kai hatte es schon geahnt, wenn er mit mir unterwegs ist…

Die Aussicht wird immer besser, der Abhang immer steiler, nichts für ungewohnte, ängstliche Naturen hier. Aber sehr beeindruckend! Und dann haben wir es geschafft: Ein Parkplatz im Wald, „Plang la Curvanera“ heisst er und liegt auf über 1800 Metern. Von hier aus erschliesst sich ein Wandergebiet, das im über 3100 m hohen Piz Mitgel seinen Höhepunkt findet. Es gibt kein Verbotsschild, der Platz ist recht eben und die Infrastruktur besteht aus einem schön versteckten ToiToi-WC. Ja, wär mal was! Leider für mich erst wieder 2021.

Mit der neuen Erkenntnis rollen wir wieder zu Tal. Immer wieder faszinierend, was die Bündner Alpen so an Möglichkeiten hergeben. Der Rest ist beinahe Standardprogramm: Wir verlassen die Gegend des Oberhalbsteins, nehmen die Kantonsstrasse Richtung Chur und verabschieden uns in Reichenau. Aber nur für kurze Zeit – der nächste Trip steht quasi schon vor der Tür. So soll es sein 🙂

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  1. Joachim H. sagt:

    Hallo Jens, Du machst das richtig: jetzt schon Ziele für die Zeit nach Eurer Rückkehr sammeln, damit der Abschied von der großen Amerikatour ein kleines bisschen leichter fällt! Schöner Bericht im übrigen (wie immer), ich freue mich schon auf die Amerika-blogs! Liebe Grüße, Joachim

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