Abschied in Belgien

Knapp 900 Kilometer sind es von Graubünden ins belgische Zeebrugge, dem Seehafen von Brügge. Von Zeebrugge aus startet die Seereise von Oski am 24. September, der Check-In ist für den 23. vormittags geplant. Die Reederei heist MOL (Mitsui OK Lines), das Schiff ist die Wisdom Ace, ein reiner Fahrzeugtransporter und mit knapp 200 m Länge und 30 m Breite eher mittelgross. Zum Einchecken müssen wir am Montagmorgen zum Dock 405 von ICO (International Car Operators).

Der Freitag vor der Fahrt an die Küste steht im Zeichen der letzten Vorbereitungsarbeiten. Oski ist bereits ausgeräumt, komplett geputzt und mit allem, was wir mit auf die Reise nehmen, gepackt. Das über ca. eineinhalb Jahre verwendete Inventar kommt beinahe komplett mit. Wir sind immer eher schlank und spartanisch unterwegs gewesen, haben nicht viele unbenutzte Gegenstände an Bord gehabt. Ergänzt wird die Ausstattung nun mit einem guten Teil unserer Kleidung, Bettwaren, Handtüchern und Ersatzteilen. Das was im Camper bleibt, ist komplett in den Staufächern untergebracht. Es ist wichtig, dass zum einen alles „seefest“ verstaut ist und zum anderen das Auto „blickleer“ ist. Zum Schluss werden Matratzen und Polster mit Plastikfolie abgedeckt und man wähnt sich in einem gerdae ausgelieferten Neuwagen.

Freitag: Oski glänzt wie neu

Samstagmorgen um sieben geht der kleine Konvoi auf die Reise: Oski mit mir und Alice, Tugo mit Ron und Joli im Benz hinterher. Den ersten Stop machen wir im Breisgau, Ver- und Entsorgen bei den Reisenden. Da wir in Luxemburg eh tanken wollen, verschiebe ich den Kauf von 15 l AdBlue dorthin. Auf der Höhe von Strassburg wechseln wir nach Frankreich und bis Metz läuft es mit wenig Verkehr gut, bevor es Richtung Luxemburg wieder deutlich voller auf der Autoroute wird.

Die Autobahntankstelle vor Luxemburg ist brechend voll, was den günstigen Preisen zuzuordnen ist. Wir warten doch knapp 20 Minuten, bevor wir an der Reihe sind. Ich fülle nur 50 Liter in Oskis Tank, da der Kraftstoffstand nicht über ein Viertel sein soll bei der Verschiffung. Bezahlt wird an einem Kassenhäuschen, einen Tankstellenshop sehen wir nicht und die Parkplätze der Raststätte sind hoffnungslos überfüllt. Somit fahren wir weiter.

Luxemburg ist schnell durchfahren und wir erreichen Belgien in der Ardennenregion. Viel Wald, hügelige Landschaft, gelegentlich mal ein Flusstal, eine ganz nette Gegend, der Südosten des Landes. Vor Brüssel verdichtet sich der Verkehr und auf der Ringautobahn haben wir öfters Stop and Go und benötigen fast eine Stunde um die belgische Hauptstadt herum. Dazu die teilweise chaotische Fahrerei der anderen Verkehrsteilnehmer – Oskis Bremsen werden mehrfach hart rangenommen.

Auch Richtung Küste bleibt der Verkehr dicht. Und die Belgier fahren teilweise echt krass. Wir fragen uns ob Rechtsüberholen hier erlaubt ist? Abends gegen 19 Uhr treffen wir in Zeebrugge ein, der lange Fahrtag ist geschafft. Sicher nicht der letzte auf unserer Reise…

Das Hotel Ibis liegt fast in Sichtweite zum ICO-Terminal und nah am alten Hafen. Wir schlendern noch etwas durchs Hafenviertel und essen in einer Gaststätte noch heimische Spezialitäten, wie Garnaal- oder Kaaskroketjes mit Pommes Frites, bevor wir doch etwas müde in die Betten fallen.

Am Sonntag haben die Autoterminals geschlossen. Ein idealer Tag für einen Besuch in Brügge.

Die Altstadt von Brügge ist komplett erhalten, was der UNESCO einen Eintrag ins Welterbe wert war. Am Morgen wirkt die Stadt etwas verschlafen und wir schlendern zum Marktplatz. In einem Cafe nehmen wir das Frühstück, serviert vom mürrischsten Kellner ever. Und die Preise sind saftig: 5.50 für eine Waffel mit Puderzucker, 4.50 für einen Kaffee – Touristenabzocke halt. Nach und nach füllt sich die Stadt und am späten Vormittag ist gut was los. Wir bummeln durch die Altstadt, finden überall süsse Verlockungen und erreichen irgendwann einen Kanal. Hier starten die kleinen Ausflugboote ihre Rundfahrten, man kann Brügge auch vom Wasser aus erkunden. Wir sind uns einig, das ist eine gute Idee, und starten sogleich zur halbstündigen Tour durch die Kanäle. Die Perspektive auf die Stadt ist nochmals eine andere und Brügge gefällt uns immer besser. Auf eigenen Füssen setzen wir später unseren Rundgang fort. Überall pittoreske Szenen, viele schöne Ansichten der historischen Gebäude. Wir können die Stadt nicht an einem Tag erfassen und werden dies wohl irgendwann mal richtig nachholen. Am Nachmittag steht uns der Sinn nach Strand und Meer. Ich war noch nie an der Nordsee – wird Zeit dass sich das ändert…

Blankenberge ist eine Betonwüste – schön ist defintiv anders. Aber zwischen Blankenberge und Zeebrugge gibt es schöne Dünen und einen weitläufigen Strand. Ein ideales Gebiet für den ersten Kontakt mit dem bisher unbekannten Gewässer. Also rauf auf die Düne und hinunter im weichen feinen Sand. Füsse ins frische Wasser und etwas Spass am Strand haben. Später laufen wir Richtung Blankenberge mit seiner definitiv unansehnlichen Häuserfront aus Betonvariationen und später bei deutlicher Wetterverschlechterung zurück durch die Dünen zum Auto.

Das Thema „AdBlue kaufen“ ist ja immer noch nicht vom Tisch. Nachdem wir in Brügge keine einzige Tankstelle mit offenem Shop gefunden haben, sieht es hier nicht besser aus. In Zeebugge haben wir die letzte Chance für heute und tatsächlich hat eine Tankstelle tatsächlich einen Shop und der hat am Sonntagnachmittag sogar geöffnet. Ich begebe mich in den Laden, finde aber nur leere Reservekanister. Der Mitarbeiter ist am telefonieren, ignoriert mich komplett, auch als ich gut zwei Minuten vor ihm an der Kasse warte. Erst als Ron auch noch in den Shop kommt, erfahren wir, dass er kein AdBlue in Kanistern hat. Als nehme ich die normalen und fülle an der Zapfsäule im Schneckentempo – hier wäre ein Magnetadapter sinnvoll gewesen – die Brühe ab, während Sturm und Regen über Zeebrugge und die nicht überdachte Zapfsäule hereinbrechen, muss ja so sein…   Nach fast 15 Minuten sind die 15 Liter abgefüllt und kosten mich zusammen mit den Kanistern fast 40 Euro. Hätte ich das Zeug doch nur zuhause gekauft – hinterher ist man immer schlauer.

Wir machen später noch die Autos mit den letzten Finessen parat für die Verschiffung Und dann haben wir Hunger. Ins Hotel, trockene Kleider anziehen und dann ab in De Kombuisje, ein Restaurant unweit des Hafens. Hier essen wir gut bei leicht gehobenem Preisniveau. Allzu lange machen wir nicht, am Montagmorgen heisst es früh aufstehen zur Abgabe der Autos im Hafen.

Montag: Der Wecker klingelt um halb sieben. Angesichts der bevorstehenden Aktion habe ich eh nicht allzu tief geschlafen. Die Fahrt zum Dock 405 dauert kaum mehr als 5 Minuten. Angekommen am Check-In-Gebäude von ICO bietet sich zuerst mal ein unübersichtliches Bild. Auf einem Seitenparkplatz steht ein Sprinter mit Bimobil-Kabine. Wir stellen unsere Wagen daneben und bekommen vom Fahrer die Info, dass wir erst gegen 8.30 Uhr einchecken können. Immerhin können wir den Frachtbrief schon vorgängig holen und mit x Fragezeichen auf der Stirn ausfüllen.

Das folgende Prozedere haben wir dann durchlaufen:

  1. Frachtdokument am Schalter im ICO- Gebäude holen und ausfüllen (4 verschiedenfarbige Seiten, man muss nur die oberste ausfüllen, das Geschriebene kopiert sich auf die Seiten darunter.)
  2. Reisepass oder Ausweis am Automat im Gebäude scannen und Strichcodeetikette entnehmen
  3. Einchecken am Schalter mit ausgefülltem Frachtdokument, Pass oder Ausweis und Strichcode
  4. Man bekommt vom Schaltermitarbeiter gelbe Aufkleber fürs das Auto, einen Zettel mit PIN-Code und eine Wegbeschreibung zum Abstellplatz, sowie die Verschiffungsdokumente zurück.
  5. Einfahrt selbst durchs Gate in den geschlossenen Hafenbereich, die Schranke mit dem PIN öffnen. Ein blaues Lotsenauto fährt bis zum Abstellplatz voraus, dies teilweise auch erst weiter hinten im Hafenbereich.
  6. Abstellen des Campers gemäss Anweisungen der Hafenmitarbeiter. Dieser bringt auch die gelben Aufkleber auf der Scheibe an. Das Auto wurde während unserer Anwesenheit nicht kontrolliert, die Fahrertür bleibt offen, der Autoschlüssel muss auf dem Fahrsitz deponiert werden.
  7. Der Lotse fährt einen zurück zum Gate.
  8. Ausgang durch ein Drehkreuz, hierfür wird wieder der PIN benötigt
  9. Die Dokumente müssen im Check-In nochmals kontrolliert werden und bekommen Stempel von ICO, das blaue Dokument wird einbehalten, danach ist die Prozedur erledigt.

Kurz nach elf sind wir durch, wünschen den Mitreisenden der Panamericana eine gute Reise und vertrödeln angesichts der bevorstehenden 900 Kilometer auch nicht weiter Zeit.

Komfortabel und zügig geht es in der C-Klasse von Ron zurück. Von grösseren Staus bleiben wir verschont und erreichen Freiburg im Breisgau schon kurz nach 18.00 h. Ron und Joli kennen Freiburg nicht, ich hingegen gut und einge Retaurants auch – das passt. So finden wir uns dann kurz vor 7 im „Rauhen Mann“ wieder und lassen sozusagen hier schon die erlebnisreichen Tage ausklingen, bevor nochmals knapp 300 Kilometer Autobahn absolviert sein wollen.

Das erste Kapitel der Panamericana ist nun bereits Geschichte. Das Auto einfach so offen im Hafengelände zurückzulassen, das ist man defintiv nicht gewöhnt und entsprechend bleibt eine leichte Verunsicherung. Aber in aller Regelverlaufen die Transporte diebstahl- und schadenfrei, was einen dann doch wieder etwas gelassener macht.

Oski und Tugo, bzw. die WiSDOM ACE werden von nun an mit dem Schiffstracker auf ihrer Reise über den Atlantik verfolgt. Ein täglicher Blick auf die Position verkürzt die Wartezeit 😉

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Helm Oiler sagt:

    Hallo,
    auf YouTube habe ich gesehen das du das Nummernschild gegen ein Fake-Nummernschild getauscht hast, warum?

    Viel Spaß unterwegs
    Helmut

  2. Frauke sagt:

    Spannende Reise! Beim Lesen gerade dachte ich: schon krass, da fahrt ihr auf die Panamericana, kennt aber noch nicht mal die Nordsee…
    Bin gespannt auf euren weiteren Bericht!

    1. vanamericana sagt:

      Das mit der Nordsee war eigentlich für Mai geplant. Da wurde dann wetterbedingt Italien draus😉. Grüsse, Jens

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